Chaos Tage I

Die letzten drei Wochen waren heftig, vor allem stressig und weit außerhalb der Komfortzone.

Es begann mit einer Ratte im Lüftungssystem und Armaturenbrett des Autos. Wir kamen gerade mit unseren zwei Booten von einer Woche Angeln am 5000 Hektar Stausee in der Extremadura zurück zum Auto, als Caroline überall in unserem Auto, auch auf unserem Bett (!), dicke, schwarze „Reiskörnchen“ entdeckte.

Der Ekel war sofort da. Eine Ratte war von außen ins abgeschlossene Auto gekommen! Doch zu sehen war von ihr nichts. Also beluden wir den T5 und fuhren zu einem Campingplatz, auf dem wir unser Carp Gypsies Buch (in Ruhe) zum Abschluss bringen wollten. Ganze sechs Tage lang wütete dort das Vieh in unserem Auto – während derer wir darin schliefen. Wir waren gegen den stattlichen Nager wirklich hilflos. Fakt war, dass das Biest außerhalb unserer Reichweite, im Lüftungssystem unterhalb der Windschutzscheibe, hinter dem Armaturenbrett und im Motorraum sein neues Heim eingerichtet hatte. Und gleich zu Anfang unserer Rattenjagd begann ich einen großen Fehler: Ich stellte eine viel zu kleine Mausefalle im Batteriefach des Autos (wo sie sich anscheinend besonders gerne aufhielt), die prompt zuschnappte, aber nicht mehr als einen Klaps auf ihre Nase verursachte. Von diesem Moment an war die Ratte gewarnt und ließ sich von den später gekauften Rattenfallen nicht mehr reinlegen.

IMG_4410

Rattengift kam nicht in Frage. Man stelle sich mal eine tote Ratte im Lüftungssystem des Autos vor… Also spritzten wir irgendwann zuerst Insektizide, dann eine komplette Dose Pfefferspray in die Lüftung – mehr als ein panikartiges Rumpeln durch die Lüftungskanäle erzeugte das aber nicht. Dann lockten wir Katzen ins Auto, in der Hoffnung, dass sie das Vieh nachts erlegen würden. Tatsächlich biss aber die Ratte eine Katze und nicht andersrum. Jaulend rannte die Katze über den Campingplatz. Als wir bemerkten, dass die Ratte einen Kontakt der Autobatterie annagte, brach Panik aus. Nicht vorzustellen, welche Kabel oder Schläuche sie sonst noch bearbeitete! Also räumten wir die komplette Karre aus, stopften alles ins Colossus Zelt, bauten die Armaturen weg (würden wir sie jemals wieder zusammen bekommen?) und entdeckten diverse Vorratslager aus Müsliriegel, zum Beispiel hinter dem Handschuhfach, vor allem aber Händevoll Kot und überall Flecken von Urin. Die Ratte versteckte sich aber weiterhin geschickt im Lüftungstunnel.

IMG_4414Doch ohne ihren Vorrat war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie unvorsichtiger werden musste. Und da fiel mir die hausgemachte Dosenwurst von Birkulator in unserer Vorratskiste ein. Damit bestückten wir die äußerst starke Rattenfalle vom spanischen Eisenwarenhändler im Fußraum des VW’s, während wir im Zelt schliefen. Bammm – tatsächlich, auch die spanische Ratte konnte schwäbischer Lyoner nicht widerstehen und es war um unseren neuen Mitbewohner geschehen. Im Mondlicht begruben wir das stattliche Exemplar am Ausgang des Campings und freuten uns endlich mal wieder eine Nacht beruhigt durchzuschlafen.

IMG_4541Am nächsten Tag, ich war gerade wieder zehn Kilometer entlang einer stark befahrenen Schnellstraße gefahren, um eine zuverlässige 3G-Verbindung für die Hotspotfunktion des Iphones und einen Datenverkehr für unser Buch zu erhaschen, lief mir ein sehr abgemagerter und kleiner, schwarzweißer Hund über den Weg. Der junge Hund war komplett traumatisiert, extrem ängstlich und irgendwas sagte mir, dass ich mich um ihn kümmern sollte. Er hatte kein Halsband und sah wirklich miserabel aus, legte sich sofort hilflos auf den Rücken und schloss die Augen, als ich auf ihn zulief. Vorsichtig nahm ich ihn auf, legte ihn neben mir auf den Beifahrersitz und fuhr Richtung Camping. Ein Regenbogen tauchte am dunklen Himmel auf und ich wusste, dass ich das Richtige tat (und konnte mir eine kleine Träne des Mitleids und des Glücks nicht verkneifen). Caroline empfing uns herzlich und wir freuten uns über den kleinen Ratonero Mischling im (scheinbaren) Tausch gegen die erlegte Ratte.

IMG_4450Kaum war das Buch (fast komplett) abgeschlossen, machten wir uns zu dritt zum Angeln an den 5000 Hektar Stausee. Der Frieden hielt allerdings keine Woche. Caroline war zum Einkaufen gefahren, während Hund Chico und ich den Materialberg in die zwei 330er Schlauchboote packten, um ihn vier Kilometer weiter nördlich wieder aufzubauen. Ich fing gerade an das Zelt aufzustellen, als ich eine SMS von Caroline bekam, dass sie mit dem Auto in einer halben Stunde in der großen Bucht ankommen würde, wo ich sie abholen sollte. Also startete ich den Benzinmotor und fuhr zusammen mit Chico dorthin und wartete. Doch auch nach einer Stunde war noch keine Spur von Caroline zu sehen. Handyempfang hatte ich dort leider keinen und fuhr deshalb zurück zum Angelplatz, wo ich auch gleich eine SMS von Caroline erhielt: „Ich bin in der Bucht. Zwei Spanier haben mich gefahren. Das Auto ist kaputt! Ich kann nicht mehr. Wahrscheinlich wieder das Getriebe! Das darf nicht wahr sein! Es tut mir so leid.“

Ich lese es nochmal, um sicher zu sein, dass ich nicht träume und fahre wieder in die Bucht. Die Lage war wirklich nicht besonders. An einem steilen Hang auf einem Killerfeldweg musste Caroline zurück in den Ersten schalten, worauf ein ratterndes Geräusch ertönte. Wirklich alle Gänge waren ihr flöten gegangen – eine gute Stunde zu Fuß von der Bucht entfernt und genauso weit weg von einer betonierten Straße. Zum Glück fuhr in diesem Moment ein Auto hinter ihr und zwei Jungs brachten sie ans Seeufer. Die Ärmste war komplett aufgelöst, die leckeren Einkäufe, das nötige Wasser und ein paar andere wichtige Dinge befanden sich noch im Auto. Wir waren gefangen zwischen zwei Welten, die kaum vereinbar schienen: Ein kaputter VW-Bus irgendwo in der Pampa und mehr als eine halbe Tonne Material am See.

Doch was nun? Die Lust, sich gemütlich an einem neuen Angelplatz einzurichten, fehlte vollkommen. Den Materialberg einfach alleine lassen und uns ums Auto kümmern, konnten wir aber auch nicht. Mit einem Stirnrunzeln und einem verzweifelten Blick bedankten wir uns bei den zwei Spaniern, stiegen ins Boot und fuhren zu unserer neuen Angelstelle…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s